Qualifikationslücken und wachsender Personalbedarf stellen die Branche vor Herausforderungen. Ausbildung schafft Perspektiven für junge Menschen und Frauen, wie Beispiele aus Ruanda, Kenia und Tansania zeigen.

Der September steht in vielen afrikanischen Ländern im Zeichen des Tourism Month und damit einer Branche, die für Wirtschaft, Beschäftigung und lokale Wertschöpfung zunehmend an Bedeutung gewinnt.

2025 trug der Tourismus laut World Travel & Tourism Council (WTTC) rund 228 Milliarden US-Dollar zur Wirtschaftsleistung des Kontinents bei und unterstützte 30,2 Millionen Arbeitsplätze. Für 2026 werden bereits 31,5 Millionen Jobs erwartet. Bis 2036 könnten weitere 9,4 Millionen Arbeitsplätze im afrikanischen Tourismussektor entstehen.

Mit dem Wachstum steigt jedoch auch der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften. Eine aktuelle Untersuchung der International Labour Organization (ILO) in Kenia zeigt, dass viele junge Menschen auf der Suche nach Arbeit sind, während Unternehmen gleichzeitig Schwierigkeiten haben, Beschäftigte mit den benötigten Kompetenzen zu finden. Im Tourismus identifizierten die befragten Unternehmen insbesondere Lücken bei Kundenservice, Fremdsprachen und digitalen Kompetenzen. Rund die Hälfte der 47 befragten Tourismusunternehmen berichtete von Herausforderungen bei der Servicequalität. Eine ähnlich hohe Zahl bezeichnete Kenntnisse im digitalen Marketing als schwer verfügbar.

„Afrikas Reiseindustrie braucht nicht nur mehr Besucherinnen und Besucher, sondern vor allem Menschen, die den Tourismus vor Ort professionell gestalten. Qualifizierte Fachkräfte sind eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass die wirtschaftlichen Chancen des Tourismus auch langfristig in den Destinationen und bei den Menschen vor Ort ankommen“, sagt Hanna Kleber, Vorsitzende von Voice4Africa.

Batya Blankers with graduates of the Chancen International programme (c) Chancen International

Batya Blankers mit Absolventen des Chancen International Programms (c) Chancen International

Von der Ausbildung direkt in den Tourismus

Die Herausforderung besteht dabei nicht allein darin, mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Entscheidend ist auch, junge Menschen mit den Kompetenzen auszustatten, die in der wachsenden Tourismuswirtschaft tatsächlich gefragt sind. Die ILO weist darauf hin, dass in vielen Ländern Ost- und Westafrikas mehr als 70 Prozent der Beschäftigten in der Reisebranche lediglich über eine grundlegende Schulbildung oder weniger verfügen. Gleichzeitig gewinnen neben klassischen Servicekompetenzen digitale, kommunikative, Management- und Nachhaltigkeitskompetenzen stärker an Bedeutung.

Wie durch eine qualifizierte Ausbildung konkrete berufliche Perspektiven entstehen können, zeigen etwa die solidarischen Bildungs- und Finanzierungsmodelle von Chancen International. Die Organisation ermöglicht jungen Menschen in Afrika über ein einkommensabhängiges Finanzierungsmodell den Zugang zu arbeitsmarktrelevanter Ausbildung und Studium. Seit der Gründung 2018 in Ruanda wurden bereits mehr als 11.000 junge Menschen in Afrika über das Modell finanziert. Rund 60 Prozent der finanzierten Studierenden sind Frauen. 85 Prozent kommen aus strukturell benachteiligten Bevölkerungsgruppen, etwa aus ländlichen Regionen und informellen Siedlungen. 70 Prozent haben nach Angaben der Organisation eine Beschäftigung gefunden und erzielen dabei ein Einkommen deutlich über dem Mindestlohn.

Dass solche Bildungswege auch direkt in den Tourismus führen können, zeigen die Zahlen aus Ruanda: Hier wurden bereits mehr als 1.300 junge Menschen über das solidarische Bildungsfinanzierungsprogramm von Chancen International unterstützt; 80 Prozent von ihnen haben anschließend eine Beschäftigung im Reisesektor gefunden.

In Kenia steht das Beispiel von Marcus Babu exemplarisch dafür, wie eine praxisnahe Ausbildung konkrete berufliche Perspektiven im Tourismus eröffnen kann: Nach seiner Berufsausbildung im Bereich Food & Beverage Service am TASK Training Institute in Nairobi fand er eine Stelle im Majlis Resort in Lamu, wo er heute seine berufliche Laufbahn weiterentwickelt.

„Talent ist überall vorhanden. Aber die Chancen, dieses Talent zu entwickeln, sind es nicht“, erklärt Batya Blankers, CEO von Chancen International, die kürzlich durch das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) für ihr langjähriges Engagement ausgezeichnet wurde. „Wir wollen nicht nur Bildung finanzieren. Wir wollen jungen Menschen ermöglichen, ihr eigenes Einkommen zu erwirtschaften, ihre Familien zu unterstützen und ihre Zukunft selbst zu gestalten.”

So haben sich auch für Abigael Shahenza durch das Programm neue berufliche Chancen eröffnet. Eine höhere Ausbildung war für die Kenianerin zunächst finanziell nicht möglich. Über Chancen International qualifizierte sie sich im Gastgewerbe an einem anerkannten Ausbildungsinstitut und erlernte zusätzlich Deutsch. Nach ihrem Abschluss erhielt sie eine Stelle bei einer deutschen Kreuzfahrtgesellschaft. Mit ihrem Einkommen kann sie heute die Zukunft ihrer beiden Töchter sichern.

Solche Bildungswege zeigen, dass gezielte Ausbildungsförderung nicht nur individuelle Karrierechancen schafft. Sie kann gleichzeitig dazu beitragen, den Fachkräftebedarf einer dynamischen Branche zu decken und Einkommen innerhalb von Familien und lokalen Gemeinschaften zu stärken.

Frauen sind zentral für die afrikanische Tourismusbranche, aber noch zu selten in Führungspositionen

Gerade für Frauen bietet die Tourismuswirtschaft vielfältige Möglichkeiten. Laut aktuellen Zahlen von UN Tourism stellen Frauen bis zu 78 Prozent der Beschäftigten im afrikanischen Gastgewerbe. Gleichzeitig sind sie weiterhin überproportional in informellen Tätigkeiten vertreten und in Führungspositionen unterrepräsentiert. Damit bleibt ein erhebliches Potenzial ungenutzt, sowohl für die berufliche Entwicklung von Frauen als auch für die dringend benötigten Fachkräfte im wachsenden Tourismussektor.

„Der hohe Frauenanteil im afrikanischen Tourismus zeigt, dass Frauen bereits heute eine zentrale Rolle für die Branche spielen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Frauen in der Reiseindustrie gebraucht werden, sondern wie sie Zugang zu qualifizierter Ausbildung, besseren Jobs und Führungspositionen erhalten“, so Hanna Kleber.

Schüler der AASSIST Sekundarschule für Tourismus (c) Africa Amini Alama

Tourismusausbildung bereits in der Sekundarschule

Wie früh berufliche Qualifikation, schulische Bildung und Nachhaltigkeit miteinander verbunden werden können, zeigt ein Beispiel aus Tansania. Die Africa Amini Secondary School in Sustainable Tourism (AASSIST) in Momella am Rand des Arusha Nationalparks vermittelt Jugendlichen neben der regulären schulischen Ausbildung praktische Kenntnisse für den Tourismussektor: unter anderem in den Bereichen Food & Beverage, Front Office, Wellness, Permakultur und Nachhaltigkeit. Die Schülerinnen und Schüler sammeln zudem praktische Erfahrungen in den Lodges der Organisation. Aktuell werden dort rund 160 junge Menschen aus strukturell benachteiligten Gemeinden auf eine berufliche Zukunft vorbereitet.

Wenn bereits in der Schule Interesse für eine Laufbahn in der Reisebranche geweckt wird und praktische Kompetenzen frühzeitig vermittelt werden, können Bildungsangebote insbesondere auch in Regionen außerhalb großer urbaner Zentren eine wichtige Brücke in den Arbeitsmarkt bilden.

Die junge Generation als Teil nachhaltiger Tourismusentwicklung

Für Voice4Africa ist die Qualifizierung junger Menschen deshalb ein wesentlicher Bestandteil eines nachhaltigen Tourismus in Afrika. Die Branche schafft Einkommen und Beschäftigung, ihre langfristige Wirkung hängt jedoch auch davon ab, in welchem Umfang die Menschen in den Reisezielen an dieser Wertschöpfung teilhaben und beruflich aufsteigen können.

„Nachhaltiger Tourismus bedeutet für uns auch, in die Menschen zu investieren, die ihn vor Ort tragen. Wenn junge Menschen eine qualifizierte Ausbildung erhalten und anschließend eine Perspektive in der Reisebranche finden, entsteht Wertschöpfung, die weit über den einzelnen Arbeitsplatz hinausgeht. Gerade für Frauen kann Bildung dabei ein entscheidender Schritt sein, um aus Beschäftigung echte berufliche Entwicklung und langfristige wirtschaftliche Unabhängigkeit entstehen zu lassen“, erklärt Hanna Kleber.

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VOICE4AFRICA ist eine Initiative der KLEBER GROUP, einer Full Service-PR-Agentur mit speziellem Fokus auf Tourismus und langjähriger Afrika-Expertise. Gemeinsam mit Afrika-Reiseveranstaltern fördert die Initiative verantwortungsvollen Tourismus nach Afrika als Mittel zur Völkerverständigung und Motor für nachhaltiges Wachstum. Voice4Africa ist Gründungsmitglied der Wirtschaftsinitiative ReThinking Africa und Preisträger des Corps Touristique Award für Völkerverständigung 2023.

 

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Titelfoto: © Africa Amini Life / Hillside Retreat, Tansania